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Rauschzeit

Kaum ist ein Jahr vergangen, dass ich mein Abitur gemacht habe, ist es schon wieder soweit: Hunderte Schüler in NRW beenden nach 13 langen Jahren die Schule. Auch in Norwegen ist für unzählige Schüler die Zeit gekommen, die Schule zu verlassen. Doch anders als in Deutschland hat der Schulabschluss hier eine lange Tradition. Jedes Jahr im April beginnt die sogenannte Russ-Zeit, was so viel wie Abiturienten-Zeit bedeutet, und hört mit der Feier des Nationalfeiertages (17. Mai) wieder auf. Wer sich also zwischen April und Mai in Norwegen aufhält, dem werden die vielen jungen Menschen in roten und blauen Latzhosen auffallen, die den wichtigsten Teil der Russ-Uniform ausmachen und gleichzeitig der auffälligste Indikator für einen Russ sind. Die Hosen werden für gewöhnlich individuell geschmückt mit Aufnähern, dem aufgemalten Namen des Besitzers und ähnlichem. Eine flauschig weiche Jacke mit Norwegenflagge auf dem Rücken und eine Mütze machen das Russ-Outfit komplett. Die Mehrheit trägt rot (auch Rødruss genannt) und signalisiert damit, dass sie einen Abschluss mit allgemeinfachlichem Schwerpunkt macht. Am zweithäufigsten gesehen sind blaue Latzhosen (Blåruss), die für einen wirtschaftlichen Schwerpunkt stehen. Die dritte Farbe im Bunde ist schwarz (Svartruss) und steht für einen berufsorientierten, oft handwerklichen, Abschluss. Doch was die Russzeit wirklich ausmacht, sind nicht die Uniformen, sondern die Russeknuter. Das sind spezielle Aufgaben, die einem beim Bestehen eine oder mehrere Trophäen einheimsen. Diese Aufgaben können halbwegs harmlos aussehen wie etwa eine oder mehrere Nächte nicht schlafen (ein Knoten pro Nacht), einen Kasten Bier á 24 Flaschen innerhalb 24 Stunden trinken (ein Kronkorken), nackt durch den McDrive fahren und einen Milkshake bestellen (ein McDonalds-Salztütchen) oder, und das ist mein persönlicher Favorit, einen Angestellten bei Lidl (ja, das gibt’s tatsächlich in Norwegen) danach fragen, ob dort auch Kondome verkauft werden – auf Deutsch! Der Preis dafür: eine Lidl-Tüte.
Wie die Aufgaben schon verraten, kommt die komplette Russzeit eher einer langen Party gleich. So wird sie auch gerne als Rus(s)etid bezeichnet, was mit nur einem “s” so viel bedeutet wie Rauschzeit. Daher ist es umso verwunderlicher, dass die Abiturienten ihren Abschluss noch vor den finalen Examen feiern, weniger verwunderlich allerdings, dass einige aufgrund dessen nicht bestehen.
Die Grenzen der Feierei liegen weit jenseits dessen, was wir von Abipartys kennen. Einige Schüler und Familien nehmen das Ganze sehr ernst. Wer das Geld hat investiert zum Beispiel in einen Russebus. Ein alter VW Bus wird gekauft und aufwändig aufpoliert, normalerweise in der Russfarbe lackiert, rot oder blau, je nach dem. Die Russ formieren sich dann zu einzelnen Gruppen, geben sich einen Decknamen und zusammen wird die Karosserie weiter ausgeschmückt. Wer einen solch grossen Aufwand betreibt, sollte sein Budget gut planen. Da kommt es sogar vor, dass manche schon ein Jahr im Voraus anfangen, ihre Russzeit zu organisieren.
Wer zur Russzeit durch die Strassen läuft, der kann beobachten, dass die Jungs und Mädchen in Latzhosen auffallend oft zu kleinen Kindern gehen um ihnen etwas in die Hand zu drücken. Dabei handelt es sich um persönliche Russkarten, die ähnlich einer Visitenkarte sind. An der Spitze prangt entweder der Gruppenname oder der Name der Schule. Darunter ein Foto, der Name oder Deckname und neben anderen Infos ein persönliches Motto. Die Karte signalisiert natürlich, wie alles andere auch, welcher Art Russ sie angehören.
Mittlerweile ist vermutlich klar geworden, dass Russ nicht gleich Russ ist. Rot bleibt rot und blau bleibt blau. Und um das klar zustellen, bricht zwischen manchen Gruppen förmlich der Krieg aus. So passiert es, dass man plötzlich, während man gemütlich mit dem Bus nach Hause fährt, Zeuge wird, wie eine Gruppe Schüler in blauen Latzhosen das Auto einer Rødruss-bande mit Eiern bewirft. Für ein paar Wochen hat man das Gefühl, man wäre in der italienischen Stadt Verona, zu Shakespeares Zeiten. Die ganze Feierei findet letztendlich ihren Höhepunkt auf einem Festival. Russ aus dem ganzen Land kommen angereist um gemeinsam mit ihren Mittrusslern zu feiern. Einige sogar mit ihren eigenen Bussen, die das Niveau eines alten Busses deutlich übersteigen. Dieses Jahr belief sich die Menge der Partygäste auf rund 11 500 Jugendliche. Kaum zu glauben, dass letztendlich nur einer davon im Krankenhaus gelandet ist.

Also, Schüler aller 13. Klassen, so feiert man seinen Abschluss!

“Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut steht ihm gut, ist gar wohlgemut.”

Wohlgemut – so fühlten wir uns auch, als wir nach einem halben Jahr des Wartens endlich beschlossen, den berühmtberüchtigten Preikestolen nahe Stavanger zu erklimmen. Für alle, die noch nicht wissen, was der Preikestolen  ist: der Preikestolen (z.dt. Predigtstuhl) ist eine ca. 25×25 m grosse Felsplattform, die sich in einer Höhe von 604m über dem darunter liegenden Lysefjord erstreckt und somit angeblich als die höchste Steilwandklippe der Welt gilt. Die Wanderschuhe angezogen, mit Proviant und ausreichend Wasser ausgerüstet machten wir uns auf den Weg. Mit der Fähre ging es zunächst ins nahegelegene Tau, um von dort aus den Bus nach Jørpeland zu nehmen. Das letzte Stück nach oben zur Preikestolenhütte wurde dann mit dem Taxi genommen. So weit, so gut. Dann hiess es: wandern. Nun ist der Begriff  “wandern” ein weitläufiges Feld. Schlägt man ihn bei Wikipedia nach, wird man darüber informiert, dass zwischen Bergwandern, Sportwandern, Weit-/Fernwandern (nicht zu verwechseln mit Auswandern!), Winterwandern, Wandern mit Gepäck (auch mit anderen Wanderarten kombinierbar), Barfuss- oder gar Nacktwandern, Bildungswandern (!) oder auch Pilgern differenziert wird. Da unser Wanderziel in einer beachtlichen Höhe von über 600m lag, gehe ich davon aus, dass es sich hierbei eher um Bergwandern handelte. Nach Überwindung der ersten 100 Höhenmeter (auf einer Strecke von 0,5km) merkte ich jedoch, dass dem Ganzen durchaus eine Prise Sportwandern beigemischt war. Nach etwa 1,7km kamen wir dann an das steilste Stück der Strecke. Wir blickten hinauf und erkannten,  dass es abenteuerlich werden würde. Schnee und Eis steigerten den Schwierigkeitsgrad noch einmal. Und hier fingen die Grenzen zwischen Bergwandern und Bergsteigen an zu verschwimmen. Laut Wikipedia unterscheidet sich das eine vom anderen durch “die Notwendigkeit zu klettern” (klettern = Gebrauch der Hände). Demzufolge hatten wir mittlerweile definitiv den Stand des Bergsteigens erreicht. Während des Aufstiegs blickte ich immer wieder erwartungsvoll nach oben, in der Hoffnung, das steile Stück sei bald geschafft. Umso entmutigender kann es dann sein, wenn man feststellt, dass das Ende einfach nicht in Sicht ist. Schliesslich  oben angekommen, hatten wir nach 2km immerhin die Hälfte des Weges hinter uns. Wenn man so einen Trip macht, fühlt man sich im Geiste mit allen verbunden, die den gleichen Weg antreten. Ja sogar von Norwegern wird man hier oben gegrüsst. Auf unserem Weg nach oben begegneten wir einem älteren Mann, mit Sicherheit schon über 60, der uns mal eben ganz lässig überholte. Erstaunt über sein Tempo nahmen wir an, dass er die Tour schon öfter gemacht haben musste. Je höher wir kamen, desto grösser wurden die Schnee- und Eismassen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass wir nicht mehr weit weg sein konnten. Auch entgegenkommende Wanderer versicherten uns, dass es nicht mehr weit sei. Anfangs unbeeindruckt, stieg die Aufregung jetzt mit jedem Schritt. Valerie erzählte mir, man brauche ein Ritual, wenn man oben angekommen sei. Eine Art Belohnung, dass man es endlich geschafft habe. Ein Siegerbierchen zum Beispiel. Für mich war allein das oben Ankommen Belohnung genug. Schon auf den letzten Metern konnte man die fantastische Aussicht über den Lysefjord und die umgebenen Berge sehen. Dann, nach ca 2 Stunden schweisstreibendem Wandern, hatten wir unser Ziel erreicht. Eigentlich hatte ich erwartet, dass mir die Höhe mehr Angst machen würde. Überraschender Weise war es allerdings kein Problem, mich wagemutig an die Kante zu setzen und die Beine hinunter baumeln zu lassen. Lediglich um meine Sonnenbrille hatte ich ein bisschen Angst . Bis heute ist noch kein Mensch unfreiwillig von dort oben herunter gefallen. Es ist jedoch wohl bekannt, dass sich bereits Leute dort in den Tod gestürzt haben. So rief ich zu einem jungen Mann, der sich vorsichtig auf dem Bauch gen Kante robbte: “Don’t kill yourself!”. Das fand der Rest der dort anwesenden Touristen scheinbar sehr lustig. Nachdem wir uns etwa eine Stunde auf dem Plateau ausgeruht hatten, wurde uns bewusst, dass wir eigentlich gar nicht wirklich am Ziel angekommen waren, da der ganze Weg auch wieder zurück bestritten werden musste. Also ging es noch einmal zwei Stunden über Eis und Schnee, Stock und Stein. Nachdem wir endlich wieder unten angekommen waren, taten mir trotz Wanderschuhe die Füsse weh, aber nichts konnte mir meine Zufriedenheit, auf dem Preikestolen gewesen zu sein, nehmen. Noch am gleichen Tag war ich mir sicher, dass ich diese Tour mit Freuden noch ein-,  zweimal machen möchte. Aber nicht jetzt sofort, jetzt muss ich erstmal den Muskelkater loswerden…

Des Rätsels Lösung…

lautet: eine Fabrik, die Fischfutter herstellt. Hat leider keiner gewonnen, Karte bleibt vorläufig in Norwegen.

Gewinnspiel!

GEWINNSPIEL!!

Erinnert ihr euch noch an das geheimnisvolle Rätsel um den Katzenfuttergeruch in Stavangers Luft? Nach 4 Monaten ist es endlich gelöst! Aber es wäre ja langweilig, des Rätsels Lösung einfach preiszugeben. Und jetzt kommt ihr ins Spiel…

Ratet mit, wer oder was für den Katzenfuttergeruch in der schönen Stadt an der Westküste Norwegens verantwortlich ist! Die Spielregeln lauten wie folgt:

  • es darf jeweils nur ein Vorschlag abgegeben werden
  • es darf  im Internet nach möglichen Auslösern recherchiert werden
  • benutzt eure Kreativität
  • diejenigen, denen ich die Lösung schon erzählt habe, sind vom Spiel ausgeschlossen

Vorschläge können hier als Kommentar, per Email (an miriam.06@web.de) oder als private Nachricht bei FB abgegeben werden.

Zu gewinnen gibt es: eine exklusive, höchstpersönlich von mir geschriebene, schöne Postkarte für denjenigen, der die richtige Lösung nennt!!

Wichtig: Gebt eure Adresse mit an, wenn ihr einen Vorschlag abgebt!

Einsendeschluss ist Mittwoch, der 23.03.2011

Willst du eine coole Postkarte aus Norwegen haben? Dann mach mit!

PS: Wird die richtige Lösung mehr als ein Mal genannt, wird der Gewinner unter allen richtigen Antworten ausgelost.

Nimmt man sich in Norwegen hin und wieder mal die Zeit, die Menschen zu beobachten, wird einem früher oder später ein seltsames Verhalten auffallen, welches sich durch heimlichtuerisches “Hand-vor-den-Mund-halten” und “An-der-Oberlippe-herumfummeln” äussert. Bemerkt man ein solches Verhalten, weiss man: dieser Norweger/diese Norwegerin benutzt Snus. Unter diesem Begriff versteht man einen mit Salzen versehen Tabak, den man Anstelle des Rauchens entweder unter die Ober- oder Unterlippe, bevorzugt aber unter die Oberlippe plaziert. Ein totsicheres Erkennungsmerkmal eines “Snusers” ist die plötzlich verblüffende Ähnlichkeit mit den Bewohnern des Dorfes Whoville aus dem Film “der Grinch”. Es gibt kaum einen jungen Menschen, der es nicht benutzt. Statistisch gesehen vermutlich 4 von 6 Jugendlichen. Da muss man sich natürlich unweigerlich die Frage stellen, was an diesem Zeug so besonders ist, abgesehen davon, dass es auch indoor-tauglich ist. Der beste Weg, um das herauszufinden, ist der Eigenversuch. Ich stelle zunächst den ersten Kontakt mit dem mir unbekannten Stoff her, indem ich erstmal eine Geruchsprobe mache. Riecht eigentlich ganz gut, so wie Tee, denke ich mir. Dann nehme ich eines der kleinen Cellulosebeutelchen aus der Dose. “If you try it the first time it makes you a bit dizzy”, werde ich vorgewarnt. Doch anstatt mich schwindelig zu fühlen, spüre ich vielmehr einen leichten unerwarteten Schmerz. Es brennt unter meiner Oberlippe und ich habe das Gefühl, als hätte ich scharfe Zahnpasta benutzt. Nach einiger Zeit gewöhne ich mich an das Ding in meinem Mund und gehe meinen Tätigkeiten, unter anderem Wein trinken, weiter nach. Doch da tauchen schon die nächsten Schwierigkeiten auf, den das Snusbeutelchen will beim Trinken einfach nicht dort bleiben, wo es plaziert gehört. Mit genügend Speichel (und Wein) versorgt, beginnen die Salze sich zu lösen. Eines der ekeligsten Geschmackserlebnisse, die man sich wohl vorstellen kann. Dies führt letztendlich dazu, Wirkungszeit hin oder her, dass ich das Snus dann doch ausspucke und ich weiss, das wird wohl das erste und letzte Mal gewesen sein.

Da wir nun schon fast Bergfest feiern, war die Zeit gekommen,uns zusammen zum Midtermseminar einzufinden. So pilgerten 66 Freiwillige aus ganz Norwegen in das verschneite Oslo. Naiv und unsicher darüber, wie die Wetterlage in Oslo sein würde, beschlosss ich, anstelle meines Rucksacks meinen Koffer mitzunehmen. Da muss man sich schliesslich nicht vorher schon entscheiden, was man anzieht. Bei letztendlich 40cm Schnee ärgert man sich dann doch, dass man nicht weniger wählerisch gewesen ist. Als ich dann allerdings noch feststellen musste, dass ich tatsächlich diejenige mit dem grössten Koffer bin und ich mich am liebsten vor Scham dahinter versteckt hätte (gross genug wäre er jedenfalls gewesen), wünschte ich mir, ich hätte mich doch für den Rucksack entschieden. Dann hätte ich mir jedenfalls die vielen Erklärungen wie “da ist nicht nur Schminke drin” sparen können. Achso, das Seminar war übrigens nur 2 1/2 Tage lang. Die Stadt selber lag zu der Zeit unter einer einzigen Eisschicht, hervorgerufen durch eine Mischung aus Schnee, Fussgängern und Temperaturen von mindestens -10 Grad. Das machte das Gehen sehr erschwerlich. Ständig sah man Menschen ausrutschen. Was einen sonst zum lachen bringt, wurde irgendwie zu etwas Natürlichem. Interessant war dabei zu beobachten, wie sehr die Hilfsbereitsschaft der Menschen steigt, wenn alle mit dem selben Problem zu kämpfen haben. Da wird schnell mal ein Arm gereicht, um vor Stürzen zu schützen.

Hier ein paar Fotos aus Winter-Oslo:

Folkemuseum

Vigelandsparken

Holmenkollen

Ein Blick zurück

Es ist ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit, des Nichtexistierens. Es ist weder heute, noch morgen. Schlägt die Turmuhr am 31. Dezember zwölf (oder am 1. Januar 00:00) befindet man sich zwischen Vergangenheit und Zukunft. In diesem Moment lässt man, ganz gefühlsbetont, wie sich der Mensch insbesondere nach den ersten drei Gläsern Sekt heute gibt, das letzte Jahr Revue passieren. Man schwelgt in Erinnerungen, schweift in schöne und weniger schöne Zeiten der letzten Monate ab. In eben diesem Moment wird einem aber auch jedes Jahr wieder auf’s Neue bewusst, wie schnell die Zeit vergeht. Der passende Augenblick also, um einmal genau zu betrachten, wie ich nach Norwegen gekommen bin. Wir reisen elf Monate zurück…

Februar 2010: Ich stecke mehr oder weniger mitten im Abitur. Mit den immer näher rückenden Prüfungen, wird auch der so gern verdrängte Gedanke “Und was kommt dann?” zunehmend unverdrängbar. Ich fühle mich irgendwie noch nicht bereit, den endgültigen Entschluss zu fassen (der, wie ich heute weiss, gar nicht so endgültig sein muss). Attraktiver erscheint mir jedoch der Gedanke, eine Zeit im Ausland zu verbringen. Als Selbstfindungstrip sozusagen. Und so erkannte ich meine Berufung als Freiwillige und ging das erste Mal zu einer Info-Veranstaltung über den Europäischen Freiwilligendienst, kurz EFD.

März 2010: Nach wochenlangem Projektesuchen auf der nicht gerade sehr überschaubaren Datenbank und unzähligen Motivationsschreiben in den unterschiedlichsten Sprachen schicke ich endlich die letzte Bewerbung (Nr. 20!) ab, mit der ich dem Adressaten, wie all den anderen angeschriebenen Organisationen, deutlich machen möchte, dass gerade ich ganz besonders geeignet für diesen Job bin. Ich habe weit gestreut. Prag, Graz, Brüssel. Doch die meisten Bewerbungen habe ich in den Norden geschickt. Skandinavien, dachte ich mir, das soll’s sein, da will ich hin!

Mai 2010:  Neben lernen und Prüfungen schreiben wird gewartet. Auf eine Zusage, eine Absage, irgend ein Zeichen, das mir sagt, meine mühevoll geschriebenen Bewerbungen sind irgendwo angekommen. Die Deadline (1. Juni), zu der die Freiwilligen von den Aufnahmeorganisationen bei der Nationalagentur spätestens angemeldet werden müssen, rückt immer näher. Ich mache mir schon kaum noch grosse Hoffnungen, da erhalte ich eine E-mail von einem Projekt in Norwegen, von dem ich bereits eine Absage bekommen hatte. Aufgrund mehrerer Absagen sei noch ein Platz an einen Freiwilligen zu vergeben. Ich zögere keine Sekunde, schreibe nochmals eine E-mail mit beigefügtem Motivationsschreiben und Lebenslauf und hoffe einfach das beste. Darauf erhalte ich rasch eine Antwort, die mir zunächst einfach nur sagt, meine Bewerbung sei angekommen und ich solle noch ein wenig warten. Dann eines Morgens werde ich von meinem Handy wachgeklingelt. Die Nummer ist unbekannt. Ich nehme noch etwas schlaftrunken ab und am anderen Ende spricht ein Mädchen namens Anke zu mir. Die deutsche Freiwillige, die zu der Zeit in dem Projekt arbeitet, wo ich mich erneut beworben habe, verkündigt mir die freudige Nachricht: 6 richtige, Superzahl stimmt auch, Jackpot geknackt. Mit anderen Worten, du wurdest ausgesucht. Sie bietet mir zwar an, mir noch einen Tag Bedenkzeit zu geben, aber die brauche ich gar nicht. Ich sage ihr sofort zu und freue mich über die positive Nachricht. Dann muss wohl doch erstmal noch nicht studiert werden, puh.

September 2010: Alles verlief, wie es verlaufen sollte. Der Antrag wurde abgeschickt und von der Nationalagentur bewilligt, ich habe meinen Vertrag, in Fachkreisen Activity Agreement genannt, unterschrieben und nach Norwegen geschickt und die restliche Zeit einfach damit verbracht, Schnitzel zu schieben und Teller zu waschen. Auch das ging (zum Glück!!)  irgendwann vorbei und letztendlich kommt der Tag der Abreise. Ich bin nervös, aber freue mich schon unheimlich auf Norwegen. Ich hätte mir kaum ein cooleres Land für einen einjährigen EFD wünschen können. Und somit beginnt das Abenteuer…

 

Januar 2011: die Sonne scheint, das Leben ist schön und ich wünsche allen ein frohes neues Jahr!

Hat man (so wie ich) bisher angenommen , die Norweger seien ein zurückhaltendes friedliches Völkchen, nimmt man mit umso größerem Schrecken wahr, wenn sich im eigenen Haus hollywoodreife Szenen abspielen. Basis dafür war eine der fast schon gewöhnten wochenendlichen Parties aus der Wohnung obendrüber. Nichts großes ahnend, doch sehr wohl wahrnehmend, dass der Lärm immer lauter wurde, saßen wir im Wohnzimmer, als man laute Rufe (“Get out! Get out!”) und ein stetiges Rumpeln im Treppenhaus hörte. Endlich, dachten wir, schmeißt unser Nachbar, der nebenbei zwei kleine Kinder im Alter von 3 und 1 hat, die lärmenden Jugendlichen raus. Vor unserer Tür staute sich der Lärm und an dem Poltern gegen unsere Tür konnte man schon hören, dass sich dort scheinbar eine Schlägerei zusammenbraute. Wir als Schaulustige schauten uns das Spektakel aus dem Küchenfenster an. Die Jugendlichen strömten aus dem Haus und ich war und bin immer noch perplex darüber, wie so viele Leute in die kleine ein-Mann-Wohnung gepasst haben. Die Schlägerei war nun richtig am laufen und auch der dicke mit Sand gefüllte Blumentopf, der normalerweise als Aschenbecher benutzt wird, wurde dabei zu Wurfgeschosszwecken nicht verschont. Wir waren uns einig, dass spätestens jetzt die Polizei angebracht wäre, haderten aber damit, dort anzurufen (fremdes Land, fremde Sprache, usw). Doch es dauerte nicht lange um zu sehen, dass schon jemand anderes diesen Job übernommen hatte. Der erste Polizeiwagen rollte heran, gefolgt von zwei Polizisten, die ihren Wagen weiter vorne abgestellt hatten. Die Jugendlichen zerstreuten sich in alle Richtungen und die Polizisten hinterher. Dabei wurde lässig über Zäune gesprungen, wie man es aus dem Film vertraut war. Nebenbei der nächste Polizeiwagen und so entwickelte sich das ganze schon beinahe zu einer Razzia. Der ein oder andere wurde letztendlich doch noch erwischt und mitgenommen. Dabei wurde sich aufs übelste gewehrt, geschrien und mit den Füßen gegen den Polizeiwagen getreten, bei dem Versuch, den Randalierer dort hinein zu bugsieren. Was allerdings immer und immer wieder dazu führte, dass er Bekanntschaft mit dem unterkühlten Straßenboden machen durfte. Dann löste sich das Ganze schließlich doch auf und spätestens 20 min später war auch unser Nachbar dann mit den letzten Leuten verschwunden. Mir persönlich hat es jetzt gereicht. Es bleibt nur zu hoffen, dass auch dieser Nachbar bald aus der ihm zur Verfügung gestellten Wohnung wieder herausfliegt, wie es ihm der andere Nachbar von obendrüber letzte Woche schon vorgemacht hat (bei dem war die Polizei auch zwei mal in drei Tagen).

Jetzt aber zu erfreulicheren Sachen. Trotz der mittlerweile sehr kalten Temperaturen (max. -4°C) könnte der Winteranfang nicht schöner sein. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, im Herbst und Winter jemals so viel Sonne gehabt zu haben. Schon der vierte Tag strahlender Sonnenschein in Folge. Und auch Weihnachten kündigt sich immer lauter an. Die Stadt ist nun geschmückt und zum krönenden Abschluss wird morgen, am 1. Advent, der geschmückte Weihnachtsbaum enthüllt und es gibt riesige Lebkuchenmänner zu kaufen. Da kommt Vorfreude auf!

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