Kaum ist ein Jahr vergangen, dass ich mein Abitur gemacht habe, ist es schon wieder soweit: Hunderte Schüler in NRW beenden nach 13 langen Jahren die Schule. Auch in Norwegen ist für unzählige Schüler die Zeit gekommen, die Schule zu verlassen. Doch anders als in Deutschland hat der Schulabschluss hier eine lange Tradition. Jedes Jahr im April beginnt die sogenannte Russ-Zeit, was so viel wie Abiturienten-Zeit bedeutet, und hört mit der Feier des Nationalfeiertages (17. Mai) wieder auf. Wer sich also zwischen April und Mai in Norwegen aufhält, dem werden die vielen jungen Menschen in roten und blauen Latzhosen auffallen, die den wichtigsten Teil der Russ-Uniform ausmachen und gleichzeitig der auffälligste Indikator für einen Russ sind. Die Hosen werden für gewöhnlich individuell geschmückt mit Aufnähern, dem aufgemalten Namen des Besitzers und ähnlichem. Eine flauschig weiche Jacke mit Norwegenflagge auf dem Rücken und eine Mütze machen das Russ-Outfit komplett. Die Mehrheit trägt rot (auch Rødruss genannt) und signalisiert damit, dass sie einen Abschluss mit allgemeinfachlichem Schwerpunkt macht. Am zweithäufigsten gesehen sind blaue Latzhosen (Blåruss), die für einen wirtschaftlichen Schwerpunkt stehen. Die dritte Farbe im Bunde ist schwarz (Svartruss) und steht für einen berufsorientierten, oft handwerklichen, Abschluss. Doch was die Russzeit wirklich ausmacht, sind nicht die Uniformen, sondern die Russeknuter. Das sind spezielle Aufgaben, die einem beim Bestehen eine oder mehrere Trophäen einheimsen. Diese Aufgaben können halbwegs harmlos aussehen wie etwa eine oder mehrere Nächte nicht schlafen (ein Knoten pro Nacht), einen Kasten Bier á 24 Flaschen innerhalb 24 Stunden trinken (ein Kronkorken), nackt durch den McDrive fahren und einen Milkshake bestellen (ein McDonalds-Salztütchen) oder, und das ist mein persönlicher Favorit, einen Angestellten bei Lidl (ja, das gibt’s tatsächlich in Norwegen) danach fragen, ob dort auch Kondome verkauft werden – auf Deutsch! Der Preis dafür: eine Lidl-Tüte.
Wie die Aufgaben schon verraten, kommt die komplette Russzeit eher einer langen Party gleich. So wird sie auch gerne als Rus(s)etid bezeichnet, was mit nur einem “s” so viel bedeutet wie Rauschzeit. Daher ist es umso verwunderlicher, dass die Abiturienten ihren Abschluss noch vor den finalen Examen feiern, weniger verwunderlich allerdings, dass einige aufgrund dessen nicht bestehen.
Die Grenzen der Feierei liegen weit jenseits dessen, was wir von Abipartys kennen. Einige Schüler und Familien nehmen das Ganze sehr ernst. Wer das Geld hat investiert zum Beispiel in einen Russebus. Ein alter VW Bus wird gekauft und aufwändig aufpoliert, normalerweise in der Russfarbe lackiert, rot oder blau, je nach dem. Die Russ formieren sich dann zu einzelnen Gruppen, geben sich einen Decknamen und zusammen wird die Karosserie weiter ausgeschmückt. Wer einen solch grossen Aufwand betreibt, sollte sein Budget gut planen. Da kommt es sogar vor, dass manche schon ein Jahr im Voraus anfangen, ihre Russzeit zu organisieren.
Wer zur Russzeit durch die Strassen läuft, der kann beobachten, dass die Jungs und Mädchen in Latzhosen auffallend oft zu kleinen Kindern gehen um ihnen etwas in die Hand zu drücken. Dabei handelt es sich um persönliche Russkarten, die ähnlich einer Visitenkarte sind. An der Spitze prangt entweder der Gruppenname oder der Name der Schule. Darunter ein Foto, der Name oder Deckname und neben anderen Infos ein persönliches Motto. Die Karte signalisiert natürlich, wie alles andere auch, welcher Art Russ sie angehören.
Mittlerweile ist vermutlich klar geworden, dass Russ nicht gleich Russ ist. Rot bleibt rot und blau bleibt blau. Und um das klar zustellen, bricht zwischen manchen Gruppen förmlich der Krieg aus. So passiert es, dass man plötzlich, während man gemütlich mit dem Bus nach Hause fährt, Zeuge wird, wie eine Gruppe Schüler in blauen Latzhosen das Auto einer Rødruss-bande mit Eiern bewirft. Für ein paar Wochen hat man das Gefühl, man wäre in der italienischen Stadt Verona, zu Shakespeares Zeiten. Die ganze Feierei findet letztendlich ihren Höhepunkt auf einem Festival. Russ aus dem ganzen Land kommen angereist um gemeinsam mit ihren Mittrusslern zu feiern. Einige sogar mit ihren eigenen Bussen, die das Niveau eines alten Busses deutlich übersteigen. Dieses Jahr belief sich die Menge der Partygäste auf rund 11 500 Jugendliche. Kaum zu glauben, dass letztendlich nur einer davon im Krankenhaus gelandet ist.
Also, Schüler aller 13. Klassen, so feiert man seinen Abschluss!





